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About Shame (Laura Späth) - Wenn individuelle Scham ins große Ganze eingefügt wird

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Scham ist ein Tabuthema. Doch was ist das eigentlich für ein Gefühl? Laura Späth untersucht die Scham anhand ihrer eigenen Geschichte. Ein Review.

„Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so empfindet“ (Ernaux 2020: 91)

Scham. Wir alle kennen sie, wir alle verstecken sie. Scham ist ein Tabuthema, man schaut weg, wenn man sich für andere schämt, man wird rot, wenn man sich selbst schämt. Wir brechen heute dieses Gefühl und fragen ganz bewusst: Was ist das für ein Gefühl?

Laura Späth studierte Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft und hat sich genau mit diesem gesellschaftlichen Thema in ihrem Debüt About shame auseinandergesetzt. So schreibt sie über die Scham für den Körper, Sexualität, für Gefühle, für Erkrankungen. Untermalt ist der Text mit Sichtweisen aus den Kultur-, Literatur und Sozialwissenschaften, was den Erfahrungsbericht wissenschaftlich stützt.
Das Buch ist sehr persönlich. Die eigenen Erfahrungen, ihre eigene tabuisierte Scham, so sehr aufzudröseln, verständlich zu machen für Leser*Innen und dabei nicht den Faden zu verlieren. Immer zu reflektieren, alles bis ins kleinste Detail herunter zu brechen. Dies zu lesen tut weh, es wirkt zu privat und ist nicht einfach zu lesen, denn teils ist es nahe an einem Tagebucheintrag, Gewaltschilderungen spielen eine Rolle, aber es ist wichtig dies zu lesen. Wenn man darüber schweigt, ist niemandem geholfen. Indem Laura darüber schreibt, bricht sie Grenzen auf, die sie selbst und die Gesellschaft für sie gezogen haben. Laura möchte dagegen vorgehen, sie möchte zeigen, wie sie damit umgegangen ist, wie man selbst mit Scham umgehen und Raum geben kann, ohne sich zu verstecken oder zurückzuziehen. Dabei gibt es nicht nur eine Lösung.

Um die diversen Lebensabschnitte und Aspekte der Scham aufzuzeichnen, verwendet Laura die Metapher einer Pflanze. Dies zeichnet ein anschauliches Bild davon, wie sich die Scham ausbilden kann. Die Scham keimt, wurzelt weiter und wird immer größer. Es gab nie den einen Moment, an der die Scham begann sich auf uns (oder auf Laura) auszuwirken. Keinen klaren Start. Sie begleitet uns durch unser Leben, Vergangenheit, wie Gegenwart, wie Zukunft. Sie hat Einfluss, sie triggert. Und so berichtet auch Laura von ihrem Leben mit der Scham, intim und schonungslos. Bis ins kleinste Detail. Zunächst versteckt sie sich selbst, zieht sich zurück. Einst war sie Opfer, anders und „nicht normal“. Dann änderte sie ihre Strategie - jetzt empfängt sie ihr „Anderssein“ und heißt es willkommen.

Ich verleibe mir die Position des „Anderen“ ein und eigne sie mir an, aber nicht als Unterlegenheit. Ich provoziere das Anderssein, schmücke es aus, beharre darauf. Will, dass es ein ganz besonderer Teil meiner Geschichte wird, den ich nicht mehr verschweige (Späth 2021: 59).

Doch das alles ist ein Prozess, um sich selber zu finden. Laura schreibt, um die Scham zu entblößen, um sich eben nicht mehr zu verstecken. Um der Scham zu begegnen, muss man über sie sprechen. So möchte sie den Weg bereiten für eine Gesellschaft, in der es möglich ist Scham offen anzusprechen.
Eine genaue Definition der Scham wird nie gegeben, dazu ist sie zu groß und umfangreich. So gibt es Körperscham, Scham über seine Gefühle, Scham für ein bestimmtes Verhalten, Scham in der Politik, Scham für seine Sexualität, für sein Geschlecht.
Wirklich neu mag ein Buch über Scham nicht sein, aber mir gefällt sehr die Verknüpfung mit Literatur – oft wird Annie Ernaux hereingezogen, oder Soziologie, Psychologie. Laura kennt sich aus, sie weiß wovon sie schreibt, denn sie hat es nicht nur persönlich erlebt, sondern sich auch wissenschaftlich (u.a. in ihrer Masterarbeit) eindeutig damit auseinandergesetzt.
Oft werden Kreise und Verknüpfungen gezogen zwischen den Erinnerungen, was wie getriggert oder Einfluss hatte und so zeigt es im Grunde nur ein umfassenderes Bild von Laura selbst. Das Buch ist also nicht nur ein Sachbuch, sondern autobiographisch stark geprägt, was man mögen muss. Ein reines Wissensbuch zu Scham ist dies gewiss nicht. Mich hat es dennoch eingenommen, denn die Art und Weise, wie erzählt wurde, die „Beispiele“, die gewählt wurden, sind kein Einzelfall. Scham versucht einen jedoch zu beeinflussen und zu manipulieren: man solle denken, man steht alleine da. Dies ist natürlich nicht der Fall.
Daher möchte ich eine Stelle kurz herausheben, die mir in meinem (universitären) Umfeld bekannt vorkommt. Sie schreibt davon sich in der Universität, in den Seminaren, fehl am Platz zu fühlen. Andere funktionieren, sind makelloser, begeisterter, klüger (vgl. Späth 2021: 141-44)
Die Kommiliton*Innen können sich besser ausdrücken, sagen die “richtigen” Sachen und man selber bleibt stumm, traut sich nicht, oder spricht sogar etwas an, was von den Dozierenden herabgespielt wird. Zurück bleibt die Scham und das Gefühl nicht dazu zugehören - das Ganze ist auch bekannt unter dem “Hochstapler/ Imposter – Syndrom". Man denkt, man sei durch puren Zufall/ Glück hier und habe es nicht verdient Teil dieser Gruppe zu sein.
Das Buch ist eindringlich und besonders. Indem das Individuelle in das Kollektiv gesetzt wird, ist es wichtig für uns alle. Mit About shame lernt man nicht nur sich selbst und seine eigene Scham besser kennen, sondern auch, jedoch in vereinfachter Art und Weise, unsere Gesellschaft. Es ist ideal, um sich intensiver mit dem Gefühl auseinanderzusetzen und sich sein eigenes Bild über die Scham einzuverleiben. Für den Einstieg ist das Buch jedoch interessant, tief genug und keineswegs langweilig. Für Interessierte gibt es am Ende noch erweiterte Lesetipps.


Herzlichen Dank an den &Töchter Verlag für das Rezensionsexemplar!


Ernaux, Annie: Die Scham. Berlin: Suhrkamp 2020.
Späth, Laura: About shame. München: &töchter 2021.
https://und-toechter.de/about-shame

Die Autorin macht übrigens auch einen Podcast „Unverschämt & Unbesprochen“, bei dem es sich lohnt, auch mal reinzuhören: https://unverschaemtunbesprochen.podigee.io


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