DU STECKST NICHT IN MEINER HAUT

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Unsere Haut - sie schützt und umgibt uns und unseren Körper. Mit Tattoos haben wir die Möglichkeit unsere Haut sogar dauerhaft zu gestalten, nach unserem eigenen Geschmack. Doch was ist, wenn uns unser Körper keine andere Wahl lässt? Unsere Haut nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht und wir sie deshalb nicht als „schön“ empfinden? Verstecken ist eine Option – die Haut in Szene zu setzen, eine andere. Mit diesem Projekt habe ich zwei Frauen portraitiert, ohne sie vorzustellen, denn ihre Haut steht dabei im Mittelpunkt der Betrachtung. Ihre Haut und wie sie in ihr leben.
Denn jeder Körper ist einzigartig und jeder Körper ist schön.

die haut, in der ich leben muss

Was magst du nicht an dir?

Meine Leberflecken und Muttermale; meinen Teint im Gesicht, der je nach Laune und Wetter die Farbe wechselt; meine Haut an den Beinen, die je nach Temperatur die Farbe von beige über rot bis violett ändern kann; meine Dehnungsstreifen an den Oberschenkeln; meine starke Körperbehaarung; meine Narben auf dem Oberkörper (eine Krankheit, bei der der Frau in der Pubertät keine bis deformierte Brüste wachsen. Durch eine Operation wurde ihr Fett an der Hüfte und an den Oberschenkeln entnommen und damit wurden ihr „neue“ Brüste geformt); Keratosis pilaris (angeborene Hauterkrankung, umgangssprachlich auch „Reibeisenhaut“ genannt). Und dazu meine Akne im Gesicht.

Was stört dich am meisten daran?

Es ist nicht nur die Farbe meiner Haut, die immer wechselt. Vor allem stören mich die Haptik meiner Haut an den Oberarmen und meine Narben. Die Haut meines Gesichtes gehört auch zu meinen größten Komplexen.

Was findest du schön an dir?

Mein Lächeln, meine Augen und mein Blick. Ich mag, wie ich schaue, wenn ich lächle, obwohl meine Augen keine besondere Farbe haben.
Außerdem mag ich meine Figur. Trotz all meiner Makel habe ich schlanke, lange Beine und muss nicht auf mein Gewicht achten.

Welches Verhältnis hast du zu deinem Körper und zu deiner skin/PERFECTION?

(sagt sehr impulsiv) Ich komme klar.
Ich würde nicht sagen, dass ich es akzeptiert habe. Ich versuche, meine „Reibeisenhaut“ zwar mit besonderen Pflegeprodukten besser zu machen, aber es fällt mir immer noch schwer, mir Zeit für meinen Körper zu nehmen, denn ich will es eigentlich nicht anschauen und sehen müssen.

Wann hast du deine skin/PERFECTION das erste Mal bewusst wahrgenommen?

Während meiner Jugend, vor dem Spiegel im Badezimmer. In diesem Alter vergleicht man sich ständig mit den anderen und auch mit dem, was man im Fernsehen regelmäßig sieht. Da habe ich gemerkt, dass ich nicht „normal“ bin. Und mein erster Gedanke war, wenn ich nicht „perfekt“ bin, also wenn ich nicht normal bin, dann kann ich kein normales Leben führen. Was die Liebe angeht zum Beispiel.

Wann hast du deine skin/PERFECTION das letzte Mal bewusst wahrgenommen?

Kurz bevor ich hergekommen bin, denn ich habe mich in meinem Zimmer umgezogen und dort gibt es einen Spiegel.

Wie reagieren andere darauf? Wie glaubst du, dass andere reagieren?

Andere reagieren gar nicht darauf, da ich es ihnen nicht zeige, denn ich will keine Reaktionen sehen. Vielleicht würden sie es aus Höflichkeit ignorieren. Einmal hat es eine Freundin von mir am Strand gesehen (Keratosis pilaris) und sie hat sofort meinen Arm angefasst und gefragt, ob ich verletzt bin. Das denken die Menschen meist darüber, da solche Haut normalerweise nicht gesund sein kann.

Wenn du eine Frau im Sommerkleid sehen würdest, mit der gleichen Haut wie deiner, die kein Problem damit hat, ihren Körper zu zeigen, was würdest du denken?

Ich würde es nicht schön finden, aber ich würde mich für sie freuen, dass sie sich damit trotzdem so gut fühlt und nicht das Gefühl hat, sich verstecken zu müssen.
Im Urlaub hab ich es schon gezeigt und kurze Kleidung getragen, aber das mache ich nur, wenn ich weiß, dass mich niemand kennt und ich alle nie wieder sehen werde.
Es ist Teil meiner Intimität. Ich will nicht, dass jemand darüber seine Meinung äußert, denn das betrifft nur mich.

Das heißt, du gibst den Menschen gar keine Möglichkeit darauf zu reagieren?

Ja, denn ich will die Reaktion nicht sehen. Ich will keine Meinung hören, das würde ich ja bei anderen Menschen auch nicht machen. Ich glaube, Menschen sind nicht ehrlich, denn sie wollen andere nicht verletzen.

Ich möchte das Thema einfach vermeiden. Denn ich will nicht erklären müssen, was das ist und will nicht, dass die anderen versuchen, Lösungen für mich zu finden und mir sagen, dass es nicht so schlimm aussieht. Für jemanden, der so ein Hautproblem nicht hat, ist es immer einfach Ratschläge zu erteilen, wie man mit dem Problem besser umgehen sollte, um „glücklich“ sein und sich in seinem Körper wohlzufühlen.

Das heißt, du hältst deine Haut immer bedeckt?

Ja. Es fällt mir sehr schwer, mich an öffentlichen Orten umzuziehen und meinen Körper zu zeigen, z.B. im Fitnessstudio oder im Schwimmbad. Dort wo ich herkomme, wohne ich beispielsweise am Meer und gehe nur abends oder nachts schwimmen, da ist das Licht nicht so intensiv.

Ist es nicht schade, dass du deine Freiheit damit einschränkst?

Es fühlt sich nicht so an, als würde ich meine Freiheit einschränken. Ich muss keinen kurzen Rock tragen, um mich frei zu fühlen.

Was war die schlimmste/schönste Reaktion darauf?

(denkt lange nach) Ich zeige es einfach fast niemandem. Und die Menschen, denen es vielleicht aufgefallen ist, haben es einfach nicht kommentiert. Vielleicht sind es Reaktionen, die ich interpretiert habe, weil ich mich so viel damit beschäftige, dann denkt man automatisch, dass andere dich beobachten.
Einmal habe ich ein Kompliment für meine schönen Brüste bekommen, das hat sich komisch angefühlt, denn sie sind nicht natürlich. Sie sind zwar auch nicht aus Silikon, sondern aus meinem eigenen Fett, aber sie sind operativ geformt.

Glaubst du nicht, dass es Menschen gibt, die deine Haut schön finden?

Nein, ich glaube nicht, dass man das schön finden kann. Ich hatte schon Freunde, aber ich habe immer versucht, es zu umgehen, dass sie mich z.B. an den Oberarmen anfassen. Ich brauche die Kontrolle und kann nicht loslassen. Es verhindert, dass ich mein Leben genieße. Meine Beziehungen sind immer daran gescheitert, das ist sicher.

Wovor hast du Angst?

Ich würde nicht sagen, dass ich Angst habe. Ich will es einfach nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es dabei so stark um die anderen geht. Manchmal bin ich allein zu Hause, aber trage trotzdem eine lange Hose und schminke mich.
Ich will nicht, dass die anderen meine Haut sehen, und ich will die selbst auch nicht sehen. Wie könnte ich es nachvollziehen, dass die anderen es gar nicht schlimm finden, wenn ich meine Haut selber nicht akzeptiert habe und als unschön empfinde?
Aber vielleicht mache ich dieses Problem auch nur größer als es ist, um unterbewusst Beziehungen zu vermeiden.
Es wurde mir schon gesagt, dass ich vielleicht noch nicht die richtige Person gefunden habe, bei der ich mich wohl genug fühlen würde.
Das stimmt vielleicht, aber sich wohl fühlen würde hier bedeuten, dass ich weiß, dass die andere Person meine Haut schon gesehen hat und dass ich die nicht zu verstecken brauche. Das würde nicht heißen, dass ich mich mit meiner Haut wohlfühle.

Glaubst du nicht, dass sich das eines Tages ändern kann?

Nein, ich will nicht, dass es jemand anfasst und sagt: Ich akzeptiere es. Denn das bedeutet, dass es etwas ist, das man akzeptieren muss.

Glaubst du deshalb nachteilig bzw. vorteilig behandelt zu werden bzw. im Leben Nachteile gehabt zu haben?

Ich verstecke es, denn meine Haut ist nicht wie Tattoos eine Marke von Identität. Es spiegelt nicht meine Persönlichkeit wieder, denn ich habe mich nicht dafür entschieden.

Warum hast du dich dann dazu entschieden, dich für mein Projekt zu entkleiden?

Ich habe komischerweise kein Problem damit. Du wusstest schon, dass ich ein Hautproblem habe. Ich vertraue dir und ich habe lange darüber nachgedacht. Es tut nicht mehr so weh darüber zu reden und selbst wenn, ich habe keine Mauern.

Damit widersprichst du dir aber…
Es ist anonym, das spielt eine große Rolle. Es könnte jeder sein auf dem Foto, denn jeder hat Komplexe mit seinem Körper.
Außerdem werde ich nicht dabei sein, wenn andere es sehen. Es ist wie beim Arzt. Ihm zeige ich es auch ohne Probleme, weil es sein Job ist. Bei dir ist es ähnlich. Es ist dein Projekt. Privat würde ich es nicht unbedingt jemandem zeigen. Ich habe langjährige Freunde, denen ich es noch nie gezeigt habe. Aber durch meine Operationen habe ich gelernt, meinen Körper fremden Menschen zu zeigen. Es ist ihr Beruf und sie wollen mir helfen, aber sie kennen mich nicht persönlich. Damit habe ich gelernt umzugehen.

Danke, dass du trotz allem bei meinem Projekt mitmachst!

Es tut gut darüber zu reden.

Noch eine letzte Frage. Wenn du könntest, würdest du deine skin/PERFECTION weggeben und dafür „normale“ Haut haben?

(ohne zu zögern) Ja, sofort.

Wie hast du dich nach dem Projekt gefühlt?

Nach dem Projekt habe ich mich ziemlich gut gefühlt. Es war das erste Mal, dass ich in Unterwäsche vor der Kamera stand. Was mich gewundert hat, ist, wie bequem ich mich gefühlt habe. Vielleicht, weil die Atmosphäre respektvoll und gemütlich war.

Wie fühlst du dich, wenn du jetzt die fertigen Bilder siehst?

Am Anfang hat es sich unangenehm angefühlt, meinen eigenen Körper so nah zu sehen. Aber bestimmt, weil ich es mir bewusst war, dass es sich um meinen Körper handelt. Dann habe ich versucht, dieses Gefühl zu umgehen und langsam fand ich die Haltung meines Körpers auf der Bildern ganz schön und fast artistisch.

Hat das Projekt dein Leben irgendwie beeinflusst?

Ich würde sagen ja schon. Ich habe den Eindruck, dass es mich ein bisschen beruhigt hat. Ich weiß, es besteht da vielleicht kein deutlicher Zusammenhang. Aber ich bin lange sauer auf mich selbst gewesen, denn ich habe mich immer für schuldig gehalten. Aber ich sehe meinen Körper, meine Haut, mich als Mensch und wie viel Schmerz es verursacht hat und denke, dass es sich nicht lohnt. Dass diese Hautkrankheit einfach da ist, wie bei vielen anderen Personen. Dafür habe ich nichts gemacht, und dagegen kann ich nichts tun. Ich würde sagen, dass das Projekt mich stärker gemacht hat.

Fühlst du dich danach besser/schöner bzw. hat sich deine Perspektive auf deinen Körper verändert?

Schöner nicht unbedingt. Denn ich weiss, dass das Ganze ein bisschen inszeniert wurde. Besser, auf der einen Seite schon, denn ich habe festgestellt, dass ich auf Fotos schön sein kann. Auf der anderen Seite nicht unbedingt, denn es hat meinen Hautaspekt nicht verbessert. Allerdings habe ich verstanden, dass meine Beziehung zu meiner eigenen Haut verbessert werden könnte. Und ich bin die Einzige, die diese Veränderung/Verbesserung verursachen kann. Hier spielen die anderen und deren Meinungen keine Rolle, nur ich und meine Gedanken, bzw. die Gedanken, die ich haben will.

die haut, in der ich leben will
Was zeichnet deinen Körper aus?

Gute Frage, klar kann ich sagen: meine Tätowierungen, aber…naja, meinen Körper zeichnet nicht nur das aus. Prägnant sind zu Beispiel meine Fehlbildungen im Brustwirbelbereich.
Außerdem ist es MEIN Körper. Jeder Körper ist anders, aber trotzdem gleich aufgebaut, mit genetisch bedingten, kleinen anatomischen Unterschieden.

Was zeichnet deine Haut aus?

Für mein Alter gute Haut und keine Cellulitis. Allerdings ist meine Haut sehr sensibel. sobald ich Stress und Unruhe habe, bekomme ich, trotz eines gesunden Lebensstils, Neurodermitis und stressbedingte Hautsymptome, Pusteln und nässende Stellen.
Und außerdem natürlich meine, teils großflächigen, heftigen Tätowierungen.

Du hast dich bewusst für deinen Körper bzw. deine Haut „entschieden“. Du wolltest deinen gegebenen Körper verändern/verschönern. Wie kam es dazu?

Am Anfang völlig gedankenlos, ich war 15 und da kam das mit den Tätowierungen auf. Eine Freundin erzählte mir, ihre Tante würde in ihrem Haus Tattoos stechen und dann sind wir einfach mit dem Roller hingefahren. Ich hatte damals keine Ahnung, das war nicht so allgegenwärtig wie heute. Ich hatte auch keine tätowierten Idole oder so. Die Tante hatte in ihrem Haus lauter Terrarien mit Spinnen und Echsen. Als meine Freundin zuerst gestochen wurde, wusste ich kein Motiv und ich habe dann eine der Spinnen gesehen und wollte diese als Tattoo. Dann ein Jahr später gab es in der Nähe das erste Tattoo Studio. Da hab ich dann die Unterschrift meiner Mutter gefälscht und mir ein Arschgeweih stechen lassen, das mittlerweile nicht mehr existiert.

Das heißt, du hast dir das entfernen lassen?

Nein, es würde überstochen. Aber nicht weil es mir nicht gefallen hat, sondern weil es im Weg war für neueres, größeres Motiv.

Das heißt, du würdest dir nie ein Tattoo entfernen lassen?

(heftig) Nein.

Warum?

Weil ich mich irgendwann in meinem Leben dazu entschieden habe und dann gehört das zu meinem Leben dazu, wie alle anderen Entscheidungen auch. Man kann viele Entscheidungen in seinem Leben nicht mehr rückgängig machen und sich dessen vorher doch bewusst sein. Außerdem kann man sie ja auch verändern.

Ich höre heraus, dass du nichts von Tattooentfernungen hältst?

Ich finde, bei diesem ganzen Hype mit diesen Fernsehshows „Horrortattoos“ usw. sind die Leute selber schuld, weil sie sich vorher nicht informiert haben, über das Tattoo und den Tätowierer.
Tätowieren ist Luxus, und ein gutes Tattoo kostet Geld. Und wenn sich jemand stattdessen eins von einem Typ mit einer Tätowiermaschine von Ebay stechen lässt, dann ist er selbst schuld. Das war aus Geiz und Bequemlichkeit eine falsche Entscheidung. Und deshalb halte ich nichts von Tattooentfernung aus rein ästhetischen Gründen.

Findest du dich mit Tattoos schöner als ohne?

Nein.

Warum hast du dann welche?

Da geht es nicht darum, schön zu sein, ich wollte mich mit Tattoos nicht verschönern, ich hatte nur Lust auf diese schönen Motive. Im Endeffekt ist es dann wohl doch eine `Verschönerung´.

Was liebst du besonders an dir und deinem Körper?

Klar, meine Tätowierungen, aber auch meine Veranlagung, alles Essen zu können was ich will und mit einem Minimum an Sport meinem Schönheitsideal zu entsprechen.

Was magst du nicht an deinem Körper?

(Überlegt lange) Ich könnte jetzt vieles Oberflächliches nennen, aber das ist Jammern auf hohem Niveau, da ich keinerlei Beeinträchtigungen habe die ich nicht durch Sport und meinen Lebensstil beeinflussen könnte, aber ich mag zum Beispiel nicht, wie mein Körper sich gerade verändert. Ich führe das auf mein Alter zurück, ich finde es gedanklich schwer hinterher zu kommen, wie sich mein Körper verändert.
Und tatsächlich mag ich meine Schieflage nicht. Also meine seltsame Proportion bedingt durch meine Fehlstellung am Brustbein, und dass ich dadurch einen Buckel bekomme werde.

Was ist da passiert?

Ich habe mir mal das Brustbein gebrochen und die Ärzte haben es nicht bemerkt. Daraufhin ist es schief zusammengewachsen und nun habe ich manchmal Schmerzen und bekomme schlecht Luft, weil meine Organe zu wenig Platz haben. Allerdings sehen meine Brüste dadurch größer aus, als sie sind. (lacht) Dennoch kann ich keinen V-Ausschnitt oder Dekolleté tragen, da eine Seite immer unbedeckt wäre.

Klischeefrage, aber was bedeuten die Motive (für dich)? Welche Geschichten erzählen sie?

Viele meine Tätowierungen erzählen keine Geschichte, sondern ich hatte einfach Bock drauf. Ich bin der Meinung, ein Tattoo muss keine Geschichte erzählen. Man kann sich auch einen Penis auf die Stirn tätowieren, wenn man das schön findet. Man lebt nur einmal.
Bestes Beispiel ist meine Fliege. Fly Friday. Ich habe früher in einem Tattoostudio gearbeitet und mein ehemaliger Chef, der Tätowierer, hatte einen Terminausfall. Er kam zu mir und seiner Frau und fragte, ob wir Lust auf ein kleines Tattoo hätten, weil er gerne tätowieren würde. Daraufhin fiel mir ein, dass ich schon immer eine Schmeißfliege haben wollte. Er hat eine gezeichnet und sie mir tätowiert. Dann hat er seiner Frau eine andere Fliege tätowiert, dann sich selbst eine. Dann hat er meinen Freund angerufen und der hat auch eine bekommen. Und zum Schluss noch der Gast-Tätowierer. Es war ein Fly-Friday.

Aber es gibt auch Tattoos, die etwas bedeuten, wie zum Beispiel der Esel auf meinem linken Oberschenkel. Der Esel war das Lieblingstier meiner verstorbenen Oma und die gelbe Tulpe ihre Lieblingsblume. Zum Andenken an sie habe ich mir nach ihrem Tod einen Eselskopf tätowieren lassen, mit einer gelben Tulpe im Mund. Alles in einem Oldschool-Stil. Ich habe diese Stelle gewählt, dass ich sie gut sehen und mich täglich erinnern kann.
Aber natürlich hat aber jedes Motiv eine Bedeutung, weil man sich ja aktiv dafür entscheidet, aber es gibt tiefgründigere Beweggründe und weniger tiefgründigere.

Hast du auch Jugendsünden?

Natürlich! Auf meinem Oberarm hat mir ein Anfänger das Sanskritwort „Shanti“ tätowiert. Hallo? Shanti? Und man kann es nicht mal lesen. Aber aber ich möchte es überstechen lassen. Vielleicht mache ich daraus „Shakti“?

Glaubst du, dass du wegen deinem Aussehen schon benachteiligt (behandelt) wurdest?

Verurteilt ja, benachteiligt weiß ich nicht genau. Bestimmt, aber nicht, dass ich es wahrgenommen hätte. Aber da hat es bestimmt auch an nicht nur meinen Tätowierungen gelegen.
Ich bewege mich aber auch nur in den gesellschaftlichen Kreisen, wo man tätowierte Menschen wenig verurteilt. Klar, wenn ich mich als Immobilienmakler bewerben würde, wäre das bestimmt anders, aber das will ich ja auch gar nicht. Aber Vorurteile gibt es immer, auch ohne Tattoos und damit sicherlich etwas mehr.

Wann oder wo zum Beispiel?

Zum Beispiel einmal in einem Spaßbad in der Dusche hat eine Mutter ihrer kleinen Tochter die Augen zugehalten und ist raus gegangen als ich reinkam. Oder beim Baden im Baggersee und da kam ein Jogger und sagte ungefragt, dass früher ja nur Kriminelle tätowiert waren. Am nächsten Tag kam er dann wieder und hat mich verbal angegriffen.

Klar, dass man Aufsehen erregt, wenn man so aussieht, davon muss man ausgehen. Es kommt auch auf die Größe der Stadt an. Manche die Tattoos haben, wollen das natürlich bewusst, aber ich mag das nicht. Ich habe Tattoos, weil ich das will und ich das schön finde. Es betrifft mich und meinen Geschmack. Dass ich Aufsehen errege, ist ein unangenehmer Beigeschmack, den ich aber in Kauf nehme. Auf der einen Seite verstehe ich natürlich, dass Menschen darauf reagieren, aber auf der andern Seite finde ich es schade, dass dem so ist. Leben und leben lassen, ganz einfach.

Aber wenn ich einfach nur schaue, weil ich es spannend finde?

Ja, das gibt es oft, das ist absolut okay.

Wie gehst du mit negativen Reaktionen darauf um?

Da ich es mir selbst „zugefügt“ habe, akzeptiere ich die negativen Reaktionen darauf. Ich habe mich freiwillig dafür entschieden. Anders wäre es, wenn ich mit einer Entstellung geboren wäre. Aber die Intoleranz bzw. Oberflächlichkeit auf beide Umstände ist die Gleiche.

Wie viele Tattoos hast du?

(lacht und zählt nach, indem sie jedes Tattoo zählt) 16? Wenn der Rücken als eins zählt. (zählt wieder nach und berührt jedes Tattoo)
Ja 16. Ach ja, meine Finger hab ich vergessen! Zählt das als eins? Dann also 17. Geht ja noch.

Wie alt warst du bei deinem ersten und bei deinem letzten Tattoo?

Ersteres 15, letzteres 34.

War das dein letztes Tattoo?

Nein, auf gar keinen Fall, das ist erst der Anfang, um ehrlich zu sein möchte ich gerne ganzkörpertätowiert sein, deshalb auch das flächige Rückenmotiv. Eigentlich ist auch schon fast jede Stelle (ausser das Gesicht und der Hals) verplant, es mangelt nur am Geld. Das nächste mit Bedeutung wird ein Hundekopf mit einem Herz und einer Banderole mit dem Namen meines Hundes im Oldschool-Stil sein. (überlegt kurz) Oh, ich hab ja erstreckend viele Tiermotive, fällt mir gerade auf. Ich brauche dringend einen Totenkopf.

Das nächste, was ich mir ohne tiefe Bedeutung tätowieren lasse, ist ein Stück Pizza. Weil ich gerne Pizza esse. Ich habe das bei einem Tätowierer auf der Webseite gesehen. Das ist ein einmaliges Motiv und ich habe mich als erstes gemeldet, deshalb werde ich es als einzige bekommen.

Das heißt, dein Motiv gibt es dann nur einmal auf der Welt?

Nein, aber von diesem einen Tätowierer, der es als sogenannten Flash (eigenen Entwurf ohne Kundeneinfluss) gezeichnet hat, wird dieses nur einmal genau so gestochen. Wie wenn ich mir ein Bild von einem Künstler, sein Design kaufe und an die Wand hänge.

Würdest du ab und zu gerne tauschen und in einen untätowierten Körper schlüpfen?

(sofort) Nein.

Wie hast du dich nach dem Projekt gefühlt?

Ich bin sehr froh und stolz, ein Teil deines Projektes zu sein.
Es war sehr emotional für mich, zu sehen, wie viele Komplexe man hat obwohl für andere eigentlich gar nichts „ Schlimmes“ an einem dran ist oder etwas Wichtiges fehlt.

Wie fühlst du dich, wenn du jetzt die fertigen Bilder siehst?

Ich finde die Bilder unheimlich gelungen und schön. Auch, dass es nur um den Körper geht und die Gesichter fehlen, man nur das eine oder andere mal etwas von den Haaren blitzen sieht, ist spannend. Ich fühle mich dadurch schön und bin stolz.

Hat das Projekt dein Leben irgendwie beeinflusst?

Ich mache mir nicht mehr so viele Gedanken über meine Figur, über mein Alter und wie mein Körper mittlerweile aussieht. Ich finde es absolut in Ordnung so, wie es ist.
Aber ich möchte wieder mehr Sport machen, da ich einfach sehe, dass ich etwas straffer sein sollte, aber das ist nur mein eigener Anspruch an mich selbst.

Fühlst du dich danach besser/schöner bzw. hat sich deine Perspektive auf deinen Körper verändert?

Ja hat es, schöner nicht unbedingt, aber zufriedener. Es hat nicht mehr so einen hohen Stellenwert für mich, für andere schön zu sein, da ich mich gut finde. Es wird immer Menschen geben, die man schöner und besser findet, aber ich habe nicht mehr den Wunsch, jemand anders zu sein. Nicht mehr so stark zumindest.
Danke für diese tolle Erfahrung.

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